Überlegungen und Erfahrungen

 

Stand: 28. Mai 2014

 

 

Einleitung

 

Eines der praktischsten Geräte, die ich hatte, um unterwegs Notizen zu machen, Texte zu schreiben oder zu lesen, war das Braille Lite. In seiner 18er Version war es ja auch nicht zu groß. Danach kam bei mir das Braille Lite 40, das man schon nicht mehr so gut verstauen konnte, dann das PacMate, das anfangs toll war, aber eben schon wieder ein gutes Stück größer; dafür konnte es natürlich auch mehr.

 

Jetzt wünsche ich mir eine ähnliche Funktionalität mit iPhone und Braillezeile. Und ja, ich will auch Notizen in Kurzschrift machen!

 

Ein erster Schritt war, dass ich eine Bluetoothtastatur und meine Supervario 40mit dem iPhone verbunden habe. Als App habe ich Pages genutzt. Die Notizen waren dann nicht in Kurzschrift, aber da ich die so erstellten Dateien sowieso mit anderen austauschen wollte, die die Deutsche Blindenkurzschrift nicht beherrschen, war das nicht schlimm. Diese Lösung hat gut funktioniert; Für Texte, die ich teilen oder ausdrucken muss, ist das weiterhin meine bevorzugte Vorgehensweise.

 

Jetzt besitze auch ich eine Focus 14. Meine Idee ist, dass ich damit Braillezeile und Tastatur in einem habe und meine eigenen Notizen, die ich mit niemand teilen muss, in Kurzschrift schreiben kann. Das funktioniert auch einigermaßen. Genaueres will ich in diesem Dokument beschreiben. Den Text werde ich im Bedarfsfall aktualisieren.

 

Ich danke hier auch denjenigen, die mir mit eigenen Hinweisen geholfen haben, dieses Dokument zu erarbeiten: Olaf Lichy, Thomas Moser, Dr. Aleksander Pavkovic, Sandra Pilz, Jürg Spielmann, Christoph Uth.

 

 

1. Software

 

Ich nutze für Texte, die ich auf dem iPhone eingebe, 3 Apps: a. die IOS-Eigene App "Notizen", b. das Apple-eigene Pages für IOS und c. Documents der Firma Savysoda.

 

Zu a.: "Notizen" nutze ich selten - eigentlich nur, wenn ich wirklich nur eine Notiz machen will, z.B. eine Telefonnummer aufschreiben, die ich nur kurzfristig brauche und deshalb nicht in meinen Kontakten speichern will.

 

Zu b.: "Pages" hat den Vorteil, dass man damit auch höheren Ansprüchen an die Formatierung eines Textes gerecht werden kann. Für eigene Kurzschriftnotizen ist das nicht von Belang, eventuell aber für Texte, die man mit anderen teilen möchte. Ich nutze die App also für solche Fälle, wobei ich dann die Apple Bluetoothtastatur zur Eingabe vorziehe (Siehe auch "Hardware" und "Erfahrungen aus der Praxis").

 

Zu c.: Diese App habe ich im Jahr 2010 eher zufällig entdeckt, als ich im Urlaub einen Text abschreiben und zwecks Punktschriftübertragung an meinen Windowsrechner senden musste. Es gibt inzwischen eine grosse Zahl an Textverarbeitungsprogrammen mit einer mehr oder weniger grossen Zahl an Bearbeitungsoptionen. Auch "Documents" bietet mehr als nur Textverarbeitung - z.B. auch ein für uns nicht zugängliches Spreadsheet. Mit anderen Apps habe ich jedoch keine Erfahrung, bin aber sehr an Erfahrungsberichten interessiert.

 

 

2. Hardware

 

Als iPhones stehen mir ein 4S und ein 5S zur Verfügung. Da das 5S mit einer deutschen SIM-Karte bestückt ist, ich mich aber selten in Deutschland aufhalte, beruhen meine Erfahrungen vorwiegend auf dem Einsatz des 4S.

 

Getestet habe ich mit 3 Braillezeilen:

 

a. Esys 12 der Firma Eurobraille: Sie verfügt über einen eingebauten Speicher und wäre insofern als Notizgerät sehr gut geeignet. Leider kommt es - nicht nur bei mir - häufiger zu System-Abstürzen, so dass ich schon während Sitzungen Notizen verloren habe. Auch das "Schreibgefühl" bei dieser Zeile wird von mir und anderen Nutzern als nicht so angenehm und die Resultate als etwas unbefriedigend empfunden; das liegt zum einen daran, dass die Tasten sehr locker sitzen, zum anderen ist die Leertaste zweigeteilt, wobei jede Hälfte im "lokalen" Modus - also wenn die Zeile nicht mit einem anderen Gerät verbunden ist - eine andere Funktion hat (Linke Hälfte: Rücktaste, rechte Hälfte: Leertaste). Im Ergebnis fehlen gelegentlich Punkte oder Zeichen, obwohl man meint, sie gedrückt zu haben. Beim Zusammenspiel der Esys mit dem iPhone ist es nicht zu Abstürzen gekommen.

 

b. Baum Supervario2 40: Diese Zeile verfügt nicht über einen Braille-Eingabemodus; lediglich Befehle können über ihre 6 Tasten eingegeben werden. Ich verwende sie gerne in Verbindung mit der Apple Bluetoothtastatur, da sie mit ihren 40 Zellen einen grösseren Ausschnitt des Textes zeigt, den man gerade schreibt. Leider haben viele Wörter mehr als 12 oder 14 Zeichen, so dass man bei kleineren Zeilen öfter weiterschalten muss, was man sich bei der 40er Zeile ersparen kann.

 

c. Focus 14 von Freedom Scientific: Die Tasten sind hier für mein Empfinden ergonomischer angeordnet als bei der Esys 12; auch sitzen die Tasten fester und sind grösser, was zu einem angenehmeren Schreibgefühl und somit zu wesentlich weniger Tippfehlern führt. Positiv an dieser Zeile ist auch, dass es spezielle Tasten gibt, mit denen man VoiceOver-Gesten simulieren kann; bei der Esys sind dafür weniger Tasten vorhanden. Sämtliche Befehle können allerdings auch über "Chord-Befehle", das sind Punktekombinationen, die man zusammen mit der Leertaste drückt, eingegeben werden. Erfreulicher Weise sind diese Befehle bei beiden Zeilen einheitlich.

 

Anmerkung: Eine von mir erstellte Liste dieser Befehle findet sich unter http://www.apfelschule.ch/index.php/anleitungen-fuer-das-selbstaendige-lernen/155-braille-tastaturbefehle

 

 

Erfahrungen aus der Praxis

 

Abhängig von den eigenen iPhone-Einstellungen empfehle ich, vor der Sitzung mindestens 2 Einstellungen zu verändern: 1. Die Bildschirmsperre auf "nie" setzen und 2. Den Rotor auf "Zeilen" zu stellen. Leider gibt es keinen Braillebefehl, der die Bildschirmsperre direkt aufhebt; diese unterbricht jedoch die Bluetoothverbindung, was zu einer zusätzlichen Verzögerung bei der Arbeit führt.

 

Im Idealfall müsste man das iPhone erst gar nicht aus der Tasche hervorholen. Leider kommt es - zumindest bei mir - gelegentlich vor, dass man sich "verirrt" und dann doch die Sprachausgabe und Gesten einsetzen muss, um an den richtigen Punkt in den Notizen zurück zu kehren. Dazu später noch mehr.

 

Die Sprachausgabe liest oft automatisch längere Text-Teile vor. Deshalb schalte ich sie aus. Das kann mit m+Leertaste über die Tastatur der Braillezeile gemacht werden. Die Sprache pausieren kann man mit dem p-Chord.

 

Zu überlegen ist, ob man die Tonsignale von VoiceOver beibehalten oder ausschalten möchte. Um dies im Bedarfsfall schnell ermöglichen oder wechseln zu können, ist es ratsam, die Option "Töne" dem Rotor hinzu zu fügen.

 

Wenn man das iPhone auf den Tisch legt, muss man darauf achten, dass man den Bildschirm möglichst nicht versehentlich berühren kann; ansonsten ist man schnell weg von dem Bereich, an dem man gerade editiert.

 

Hier tritt dann bei einigen Anwendungen ein weiteres Problem auf: Selbst wenn man in den Text zurück gelangt, landet man nicht mehr unbedingt an der richtigen Stelle, also in der Regel am Text-Ende. Das ist einer der Gründe, warum ich empfehle, den Rotor auf "Zeilen" zu stellen. Man kann so am schnellsten das Text-Ende erreichen. Wenn ich mit der Apple-Bluetoothtastatur arbeite, verwende ich die Pfeiltasten an der Tastatur, da sie zuverlässiger funktionieren.

 

Es gibt die Chord-Befehle Leertaste+l und Leertaste+lich-zeichen, mit denen man zum ersten bzw. letzten Element springen kann. Diese funktionieren aber Text-übergreifend, springen also nicht zum Anfang oder Ende des Textes, sondern zum ersten bzw. letzten Element auf dem gesamten Bildschirm. Das entspricht dem Aufbau von IOS. Um an den Anfang oder das Ende des Textbereiches zu gelangen, muss man auf dem Bildschirm im Textbereich doppel-tippen. Bei der Brailleeingabe ist deshalb das Betätigen der entsprechenden Taste bzw. Tastenkombination (punkte3 und 6 mit Leertaste) anzuwenden.

 

Das Verhalten des l- und lich-zeichen-Chords ändert sich, wenn man mit Leertaste+s in die Statuszeile wechselt: Hier springt man mit lich-zeichen-Chord zum Ende der Statuszeile, während l-Chord zum ersten Element unterhalb der Statuszeile - also zurück in den Hauptbildschirm - springt; man muss diesen Befehl also verwenden, um die Statuszeile zu verlassen.

 

Sehr wichtig ist, die richtige Braille-Übersetzung zu wählen. Wenn man einen Text in Deutscher Blindenkurzschrift schreiben möchte, muss 8-Punktemodus ein- und Kurzschrift ausgeschaltet sein. Ansonsten versucht IOS, die Eingabe zu übersetzen. Die Kurzschriftübersetzung - egal in welche Richtung - kann man leider nur als "sehr mangelhaft" bezeichnen. Hingegen kann man sehr gut Vollschrift eingeben, wenn man den 6-Punktemodus ein- und die Kurzschriftübersetzung ausschaltet. Grossbuchstaben kann man dann auch mit den Grossschreibezeichen eingeben und muss nicht Punkt 7 drücken. Ich verwende diese Einstellung gerne beim Schreiben oder Beantworten von Emails.

 

Ein ernsthaftes Problem bei der Kurzschrifteingabe ist das lich-Zeichen: Es entspricht im Computerbraille dem Befehl für die Rücktaste und wirkt auch entsprechend. Schreibe ich das Wort "möglich" in Kurzschrift, wird nach dem Drücken des lich-zeichens das m gelöscht und es bleiben die zwei Leerräume (der vor und der nach dem Wort) im Text übrig. Ein anderes Beispiel: Von "wirklich" in Kurzschrift geschrieben bleibt nur das w, das man im ersten Moment natürlich als "was" liest. Hier ist eine Nachbearbeitung der Notizen unerlässlich. Wenn man also ein lich-zeichen schreiben will, muss man korrekterweise den Punkt 7 zusammen mit den Punkten 4,5,6 drücken.

 

Ich muss noch einmal auf die Navigation zurückkommen: Leider springt der Cursor, wenn man am Textende Enter gedrückt hat, beim erneuten Editieren des Textes nicht in die so entstandene Leerzeile, sondern ans Ende der letzten Textzeile. Dies muss man beachten, wenn man anschliessend in einer neuen Zeile oder einem neuen Absatz weiter schreiben möchte.

 

Schön wäre, wenn man die Multifunktionalität des iPhones voll ausnutzen, also kurzfristig in eine andere App (z.B. Kalender) wechseln und anschliessend exakt an die Stelle der Text-Datei, die man gerade editiert, zurückspringen könnte. Das funktioniert leider deshalb nicht zufriedenstellend, weil der Cursor nicht die vorherige Position automatisch wieder aufsucht. Die American Foundation fort he Blind hat eine App namens Accessnote entwickelt, die über einen Editor mit zahlreichen Zusatzfunktionen verfügt und dieses Problem gelöst haben soll. Leider gibt es hier Konflikte zwischen einigen Steuerbefehlen, die man über die Brailletastatur eingeben kann, und einigen Zeichen, die es nicht im Englischen gibt. Dazu gehört beispielsweise das deutsche ß-Zeichen (scharfes s). Die Entwickler sind sich dieses Problems bewusst und haben mir berichtet, dass sie an einer Lösung arbeiten. Ich habe diese App bisher noch nicht installiert und kann deshalb nicht mehr darüber sagen.

 

Leider tritt bei mir derzeit ein sehr ernsthaftes Problem auf, das mich davon abgebracht hat, Mit der Focus 14 unter Pages zu arbeiten: Gelegentlich scheint ein Tastaturbefehl - vor allem die Rücktaste (d-Chord) und die Entertaste (e-Chord) hängen zu bleiben. Das bedeutet, dass sie ununterbrochen weiter angewendet wird. So habe ich Textteile verloren, weil sie einfach - Zeichen für Zeichen - gelöscht wurden; auf der anderen Seite hatten kleine Notizdateien plötzlich viele Seiten, weil es seitenweise Leerzeilen darin gab. Das Eingeben eines anderen Befehls kann diesen Mechanismus stoppen, aber dann ist der Schaden schon entstanden. Da ich die Ursache dieses Phänomens noch nicht bewusst reproduzieren konnte, kann ich nicht sagen, ob es sich um einen Bug im Programm oder einen Fehler bei meiner Focuszeile handelt. Bei einem Testversuch mit der Esys- und der Focuszeile ist der Fehler "leider" nicht aufgetreten.

 

 

Fazit

 

Es ist durchaus möglich, das iPhone in Verbindung mit einer Braillezeile als Notizgerät zu nutzen. Dabei treten aber teilweise noch erhebliche Probleme auf, deren man sich bewusst sein muss. Den Komfort, den reine Braille-Notetaker bieten, sucht man beim iPhone mit Braillezeile bisher vergeblich!

 

Wir müssen also Einfluss auf die Entwickler nehmen, damit die hier aufgezeigten Probleme behoben werden können. Es stellt sich jedoch die frage, wer der/die geeignete Ansprechpartner ist/sind: Einige Probleme könnte Apple selbst lösen; andere sind wahrscheinlich hilfsmittelabhängig und müssen deren Entwicklern mitgeteilt werden. Allerdings brauchen wir möglichst einheitliche Lösungen, was eine Zusammenarbeit der Firmen untereinander und mit Apple bedingen würde. Letztlich wäre es aber auch hilfreich, wenn das Computerbraille aktualisiert würde (Beispiel "lich-Zeichen-Problematik". Da es meines Wissens nach hier kein internationales Konsortium gibt, müsste das über die Brailleschriftkommissionen der einzelnen Länder laufen - vermutlich ein sehr langer Weg.

 

Dieser Text beruht vorwiegend auf meinen eigenen Erfahrungen. Ich bin sehr an Rückmeldungen und Erfahrungsberichten anderer Nutzer interessiert und werde den Text dem entsprechend weiter aktualisieren.

 

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