M4guide – Blindenhund im Smartphone

Veröffentlicht am 20. März 2014 von Laura Stresing

m4guide möchte Blinden und Sehbehinderten die Navigation ermöglichen (Foto: Screenshot m4guide.de)

Etwa 145.000 blinde und 1,2 Millionen sehbehinderte Menschen leben in Deutschland. Laut UN-Behindertenrechtskonvention haben Staat und Gesellschaft dafür zu sorgen, dass sie trotz Handicap gleichberechtigt am Leben teilhaben können.

In Berlin setzt man dabei auf das Smartphone. Über eine App will man den Blinden den Zugang zu den öffentlichen Verkehrsmitteln erleichtern. Ab 2016 soll das neuartige Navigationssystem auch nicht-behinderten Fußgängern den Weg durch die Stadt zeigen.

Mehr als drei Jahre Entwicklung und 5,6 Millionen Euro stecken in der ersten intelligenten Navigationshilfe für Blinde und Sehbehinderte namens “m4guide” (Abkürzung für “mobile multi-modal mobility guide”). Ende 2012 startete das Pilotprojekt unter der Leitung der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband, dem nordrhein-westfälischen Landkreis Soest und mehreren Partnern aus Forschung, IT und der Verkehrsbranche.

Akustische Steuerung

Im fertigen Zustand soll die Anwendung ihren Träger per Sprachausgabe, akustische Signale oder Vibrationsalarm zuverlässig von Tür zu Tür begleiten. Für jeden Start- und Zielpunkt soll sie die jeweils beste Route berechnen können, inklusive aller Fußwege und aller öffentlichen Verkehrsmittel. Als Grundlage dienen eigenes Kartenmaterial und Open Street Map, verrät Projektkoordinator Manfred Garben im Gespräch mit Hyperland.

Ihre Informationen soll die App nicht nur aus den Fahrplänen beziehen, sondern auch direkt aus den Steuerungszentralen der Verkehrsbetriebe. Die können durch die GPS-Signale der Fahrzeuge nämlich das Geschehen auf der Straße in Echtzeit verfolgen.

Das wäre ein großer und von vielen Nutzern lang ersehnter Fortschritt. Selbst aktuelle Entwicklungen wie die “Live-Karte” des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB) oder das Zugradar der Deutschen Bahn erheben zwar den Anschein, aktuelle Standortdaten von Bussen und Bahnen anzuzeigen. Allerdings handelt es sich dabei eher um Soll-Zustände als den tatsächlichen Ist-Zustand: Die Standortdaten werden aus den Fahrplänen errechnet.

Hohes Interesse an Echtzeit-Infos

Immerhin: Mittlerweile haben die Verkehrsbetriebe das öffentliche Interesse an möglichst präzisen Fahrinfo-Apps erkannt und bemühen sich um hauseigene Lösungen. Laut Garben werden diese zumindest teilweise mit Echtzeitdaten gefüttert. Die Datenqualität sei nicht überall gleich gut, gibt er zu. Trotzdem ist er sich sicher: Die flächendeckende GPS-Vernetzung aller Verkehrsmittel werde “in naher Zukunft” Realität.

Die Blindenhund-App setzt jedenfalls darauf. 2015 soll die Anwendung zunächst in Berlin eingesetzt und erprobt werden, ehe sie 2016 in die bestehenden Informationssysteme der Berliner Verkehrsunternehmen integriert werden und damit Jedermann zur Verfügung stehen soll.

Dabei werden die Nutzer, vor allem Stadtfremde und Touristen, von der Grundlagenforschung im Rahmen von “m4guide” profitieren. Die verfeinerte Ortungsfunktion hinter ”m4guide” soll in der Lage sein, den Nutzer künftig auf wenige Handbreit genau zu orten.

Indoor-Navigation geplant

Auch das Innere von öffentlichen Gebäuden, wie zum Beispiel Verwaltungsgebäude, Bahnhöfe und Flughäfen, will “m4guide” erstmals transparent machen. So soll die smarte Anwendung ihrem Träger sogar beim Ein- und Umsteigen helfen können. Sie kennt den Weg zum Bahnsteig, die Ankunfts- und Abfahrtzeiten der Anschlusszüge und die richtige Ausstiegsseite.

Da gibt es nur ein Problem: Die Deutsche Bahn hat Sicherheitsbedenken. Aus Angst vor Anschlägen will sie die Grundrisse der Bahnhöfe noch nicht rausrücken. Aber auch die wird er noch überzeugen können, ist sich Garben sicher.

 

 

Quelle:

ZDF-Blog Hyperland